
In einer durchschnittlichen S-Bahn, in einem durchschnittlichen Wagen der 2. Klasse, zu einer durchschnittlich frühen Morgenstunde, sind 90% der Mitfahrenden in demselben kritischen Zustand wie ich. 10% befinden sich in einem noch viel kritischeren Zustand. Sie gehören nämlich zur Sektion der Krankenschwestern. Auch wenn sie in Anzug und Krawatte von Bernies oder Kordhosen und T-Shirt von H&M oder Jeans und Glitzertop von Chicoré gekleidet sind – insgeheim tragen sie alle einen weissen Kittel und ein kleines Häubchen.
Ich benutze das Wort Krankenschwester natürlich absolut klischeehaft. Krankenschwestern sind ja ein Mythos, wir assoziieren sie automatisch mit Fürsorglichkeit, Nettigkeit, einer wahnsinnig fröhlichen Stimme und einem fehlenden „Ich“, denn es gibt sie nur im Doppelpack mit ihren Patienten, als „Wir“. Natürlich sind diese Assoziationen möglich, jedoch keinesfalls notwendig. Trotzdem lasse ich mich auf diesen Alltagsmythos ein, wie auch auf viele andere. Ich weiss nicht, ob ich es anders wollen würde. Denn Alltagsmythen bieten uns nicht nur eine Orientierungshilfe. Kulturen sind derart von Mythen durchzogen, dass wir uns ohne sie möglicherweise gar nicht Kultur nennen könnten.
Naja zurück zum Thema: Gestern befand ich mich also in aller Herrgottsfrühe in einem warmen Nest namens Wagon, eingebettet (oder auch eingeklemmt) zwischen schweigenden Gleichgesinnten. Ich fühlte mich noch wie mein Laptop auf Standby und wartete darauf, dass das Koffein endlich in meine Blutbahn gelangt um dort einen Neustart vollzuführen.
Lange bevor dieser Moment erreicht wurde fuhr der Zug in Killwangen-Spreitenbach ein. Es stiegen die Zehnprozentigen ein. Die waren nicht nur schon neugestartet, nein, sie hatten schon ein ganzes Update hinter sich, eine vollständige Systemprüfung und waren an einer Steckdose angeschlossen. Manche von ihnen wirkten sogar, als hätten sie gerade eine neue Grafikkarte eingelegt bekommen – so munter, frisch und klar blickten die schon drein. Und sahen auch so aus.
Die Zehnprozentigen sind immer wie Frauen, auch wenn sie Männer sind, denn sie schwatzen unheimlich gerne. Sie reden nicht einfach, nein, sie schwatzen und plaudern über lauter unwichtige Dinge, die man sowieso nicht besprechen muss und wenn, dann ganz sicher nicht zu diesem Zeitpunkt.
Ihre Laute missbrauchten mein Trommelfell als Stecknadelkissen. Ich mochte aber keine Stecknadelkissen als Ohren haben und versuchte mich mit ruhiger Musik zu beruhigen. Irgendwann stellte ich resigniert fest, dass weder MPB (Bsp.) noch Mozart etwas gegen die Zehnprozentigen ausrichten konnten. In dieser Situation bleibt einem nix anderes mehr übrig als sich selbst das anzutun, was ich den Zehnprozentigen gerne mittels einem Ghettoblaster antun würde: Sich mit Electropop volldröhnen – so laut, dass mein Nachbar den Bass durch die Sitzbank spüren kann. So laut, dass die Zehnprozentigen auch mal wüssten, wie es ist, wenn man Stecknadelkissen als Ohren hat.